
Bedeutungswandel eines Begriffs
Unter dem Begriff Gemeinschaftsschule verstand man ursprünglich die gemeinsame Unterrichtung verschiedener konfessioneller Bekenntnisse. Im Gegensatz dazu standen die konfessionell gebundenen Schulen.
Diese Unterscheidung ist heute weitgehend bedeutungslos geworden.
In der bildungspolitischen Debatte werden unter Gemeinschaftsschule inzwischen verschiedene Formen längeren gemeinsamen Lernens verstanden. Grundprinzip ist die Kooperation verschiedener Schularten mit dem Ziel einer längeren gemeinsamen Schulzeit.
Dieser Bedeutungswandel ist vor allem dem Bildungsforscher Dr. Ernst Rösner zu verdanken. Ihm zufolge ist die Gemeinschaftsschule „nicht das Konzept eines Standardmodells. Ihre Struktur ist flexibel und somit geeignet, unterschiedlichen schulischen und regionalen Bedingungen gerecht zu werden.“
Die Gemeinschaftsschule setzt das Ziel des längeren gemeinsamen Lernens nicht in einer abrupten Reform von oben durch, sondern gibt Schulen vor Ort die Möglichkeit, sich abgestimmt auf die jeweilige Situation schrittweise zu verändern.
Unterschiede zu Gesamtschule oder Einheitsschule
Obwohl die Gemeinschaftsschule einige Ähnlichkeiten zur Gesamtschule aufweist, gibt es entscheidende Unterschiede.
Bei der Gemeinschaftsschule können, aber müssen nicht, alle Schularten unter einem Dach versammelt sein. Während bei der Gesamtschule die Struktur feststeht, unterliegt sie bei der Gemeinschaftsschule einer kontinuierlichen Weiterentwicklung. Die Frage, ob und wenn ja, wann eine Differenzierung in Bildungsgänge erfolgt, wird in Verantwortung der Einzelschule entschieden. Die Gemeinschaftsschule ist deutlich innovativer, weil sie wesentlich auf die Eigenverantwortung und Lernfähigkeit ihrer Akteure setzt. Während die Einheitsschule etwa der DDR auf die Idee der Lernzielgleichheit aller beruht, setzt die Gemeinschaftsschule auf die Unterschiedlichkeit jeder und jedes Einzelnen.
Unterschiede zu bisherigen Schulen
In Sachsen wurden nach 1990 die Erfahrungen längeren gemeinsamen Lernens nicht genutzt. Stattdessen wurde das gegliederte Schulsystem der alten Bundesrepublik eingeführt. Seitdem wird nach der vierten Klasse die Entscheidung darüber getroffen, ob die Schülerinnen und Schüler das Gymnasium oder die Mittelschule besuchen. Nach der 7. Klasse wird in der Mittelschule die Entscheidung getroffen, ob der Realschul- oder Hauptschulbildungsgang absolviert wird. Nach der vierten Klasse werden so fundamentale Weichenstellungen für den weiteren Bildungsverlauf vorgenommen – die Erfahrung zeigt, dass die Durchlässigkeit zwischen den Schularten gering ist. Anders als das gegliederte Schulsystem ermöglicht die Gemeinschaftsschule eine höhere Durchlässigkeit, weil alle Schularten unter einem Dach versammelt sind. So werden die Bildungschancen für alle erhöht.
